Bezahlung vs. Wertschätzung

In einem Hindu Tempel in Deutschland wollte ich bei einem Priester aus Sri Lanka ein tamilisches Lied mit achtzehn Versen lernen.

Jeden Tag vor der Puja, dem Verehrungsritual der Gottheiten im Hinduismus, widmete er sich mir eine Stunde. Nach der Puja geht der Priester mit einem Tablett herum und jeder legt eine Münze drauf. Am ersten Tag des Lernens legte ich zehn Euro drauf. Am zweiten Tag brachte ich ihm Früchte mit und legte einen zehn Euroschein dazu. Am dritten Tag legte ich wieder zehn Euro auf das Tablett. Er fauchte mich an: ‚Warum zehn Euro jeden Tag?‘ Ich war entsetzt, was hatte ich falsch gemacht? Ich traute mich nicht zu fragen. Wenn ein Asiate derart Emotionen zeigt, dann muss es etwas Schlimmes gewesen sein.

Zum Glück hatte ich eine Freundin, die mit einem Inder verheiratet war. Sie erklärte es mir.

Alles statische, also täglich zehn Euro, ist eine Bezahlung. Gegen Bezahlung macht der Priester nichts. Man muss variieren, mal Geld, mal Früchte, mal irgendetwas … und, ganz wichtig, auch einmal nichts geben. Dann ist es keine Bezahlung sondern eine Anerkennung, eine Wertschätzung.

Ich war geplättet ob so viel Weisheit.

Der Unterschied zwischen dem Indischen und dem Sri Lankischen Priester wurde mir öfter vor Augen geführt.

Zur Erklärung: Die Tamilen, die in den 1980er Jahren aus Sri Lanka zu uns kamen sind ursprünglich aus Tamil Nadu nach Sri Lanka ausgewanderte Inder. Sie sind es, die Tempel bei uns errichten. Die Priester sind in der Regel ebenfalls bei uns lebende Sri Lankis. Oder, wenn sich keiner findet, eben ein Inder.

            
            
          
      

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